Zukunft vorwegnehmen und gestalten

Zukunft. Das Thema beschäftigt mich nun seit dem Jahreswechsel 2009 / 2010 intensiver; also über zwei Jahreswechsel hinweg. Ein guter Zeitpunkt für Zukunftsfragen wie: „Was wird das nächste Jahr wohl bringen?“

Organisationen und die darin tätigen Menschen werden im Zusammenhang mit diesem Thema immer besorgter. Viele weitere Fragen stellen sich: Ist Zukunft überhaupt vorwegnehmbar, planbar, geschweige denn gestaltbar? Hätten wir z.B. September-11, die Wirtschaftskrise 2008 oder den Tod ägyptischer Kopten durch bessere Planung verhindern können?

Wahrscheinlich lautet die Antwort auf obige Fragen eher Nein. Werden solche oder ähnliche Fragen aus einer Haltung der Zukunftsangst, der Krisenvermeidungssehnsucht heraus gestellt, so führt dieser Weg eher in eine innere und äußere Abkapslung vor Gefahren, als zur aktiven Gestaltung.

Wird die Frage nach der Zukunft jedoch aus einer Haltung der Neugierde heraus gestellt, ergeben sich eher Fragen wie:

  • Was kommt auf mich, mein Unternehmen zu? Wie kann ich die Entwicklung beeinflussen? Wo will ich aktiv werden?
  • Wie kann ich mich weiter entwickeln?
  • Welche Weichen muss ich jetzt stellen, um zu erreichen, dass…?
  • Wie können wir den nächsten Krisen begegnen?

Die zentrale These, welche diesem Beitrag zu Grund liegt, lautet: Die Transaktionsanalyse (TA) hilft Menschen und Organisationen, ihre Zukunft konstruktiv zu gestalten. Im Folgenden werde ich hierzu verschiedene Ansätze der Zukunftsforschung betrachten und so den besonderen Beitrag der TA zur Bewältigung von Zukunftsfragen verbinden.

A. Ansätze der Zukunftsforschung

Das zentrale Thema, wenn es um Zukunftsforschung geht, lautet: Es gibt keine Zukunft außerhalb von uns selbst. Viele Zukunftsforschungsansätze extrapolieren einfach nur die vergangenen Trends, was sich dann manchmal erfüllt, manchmal aber auch nicht oder sich im Sinne einer Self-Fulfilling-Prophecy fortsetzt. Manches Benchmarking und Trendsuchen ähnelt der Geschichte vom „Holz des weißen Mannes“:

Ein Trapper im Wilden Westen ist vor seinem Blockhaus beim Holzhacken, als ein Indianer vorbeikommt. Denkt sich der Trapper: fragst doch mal den Indianer, wie der Winter wird, damit ich weiß, wieviel Holz ich machen muss. Fragt er ihn also: „Du, Indianer, wie wird denn der nächste Winter?“ Der Indianer grübelt, schaut sich das Holz des Trappers an und sagt: „Also, der nächste Winter wird mindestens genauso kalt wie der letzte. Genaueres kann ich Dir aber erst nächstes Mal sagen“. Denkt sich der Trapper, naja, wenn der Indianer schon sagt, der nächste Winter wird genauso kalt wie der letzte, dann musste noch ein bisschen weitermachen. Nach ein paar Wochen kommt der Indianer wieder vorbei und der Holzhaufen des Trappers ist schon gewaltig angewachsen. Der Trapper fragt den Indianer vereinbarungsgemäß: „Na, Indianer, was ist jetzt, wie wird der nächste Winter?“ Der Indianer schaut sich den Holzhaufen des Trappers an und sagt: „Der nächste Winter wird sehr, sehr kalt, ja sogar bitterkalt und wir kriegen Unmengen von Schnee“. Fragt der Trapper zurück: „Sagmal, Indianer, woher willst Du denn das überhaupt wissen?“ Sagt der Indianer: „Ist doch ganz einfach – weißer Mann machen viel Holz!“

HORX schreibt in seinem Buch „Wie wir leben werden: „Wodurch entsteht also Zukunft? Sie entsteht – erstens – durch Zufälle, an denen wir nichts oder wenig ändern können. Sie erwächst – zweitens – aus der Gesetzmäßigkeit lebendiger Systeme, die wir verstehen lernen können… Sie entwickelt sich aber vor allem – drittens – durch menschliches Handeln. Durch humane Vereinbarungen.“ Aus dieser These abgeleitet kann man drei Quellen zum Gestalten der Zukunft untersuchen: Schicksal, Wissenschaft und menschliches Handeln. Lassen Sie mich zunächst die beiden ersten Faktoren erläutern. Zum dritten Faktor, dem menschlichen Handeln, werde ich dann aufzeigen, wie die TA einen wesentlichen Beitrag leisten kann.

1. Schicksal

Wollen wir dem Schicksal begegnen, so kommen wir in esoterische oder religiöse Regionen. Ich persönlich halte hier Konzepte für hilfreich wie:

  • Urvertrauen, das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein, Gottvertrauen oder der Glaube, dass alles, was passiert, zum Besten für mich selbst und andere geschieht,
  • Gelassenheit und positives Denken,
  • Konzepte aus dem Buddhismus, die z.B. als Training in Mindfulness (Achtsamkeitsschulung) ihren Einzug in den Westen gefunden haben.

Je nach persönlicher Neigung, Kultur, Religiosität etc. sind hier verschiedene und in der Regel eher intuitive und persönliche Zugänge zu Schicksalsfragen denkbar. An dieser Stelle mögen Sie sich selbst fragen:

  • Was gibt mir Sicherheit in Zeiten des Wandels?
  • Was sind meine eigenen stützenden Werte und die der Kultur in der ich lebe?

2. Wissenschaft

Neben dieser oft wenig beeinflussbaren Komponente der Zukunft, in der Zukunft eher wie ein Lottospiel erscheint, können natürlich auch wissenschaftliche Ansätze im Sinne der Erforschung von Gesetzmäßigkeiten der Zukunft (Zukunftsforschung) hilfreich sein. Doch Vorsicht: neben dem oben schon erwähnten „Self-Fullfilling-Prophecy“-Effekt des Benchmarkings kann man viele weitere Mythen und Illusionen über Zukunftsmanagement feststellen, wie z.B.

    • Zukunftsmanager können die Zukunft voraussagen und es gibt ausgefeilte Methoden für sichere Prognosen“. Der Glaube an die Allwissenheit führt dann oft in die Irre wie in folgender Geschichte (aus VON MÜNCHHAUSEN 2007):


Die Prophezeiung:
Ein Mann lebte am Straßenrand und verkaufte heiße Würstchen. Er war schwerhörig, deshalb hatte er kein Radio. Er sah schlecht, deshalb las er keine Zeitung. Aber er verkaufte köstliche heiße Würstchen. Das sprach sich herum und die Nachfrage stieg von Tag zu Tag immer mehr. Er kaufte einen größeren Herd, musste immer mehr Fleisch und Brötchen einkaufen. Er holte seinen Sohn von der Universität zurück, damit er ihm half. Aber dann geschah etwas… Sein Sohn sagte: „Vater, hast Du denn nicht Radio gehört? Eine schwere Rezession kommt auf uns zu. Der Umsatz wird zurückgehen. Du sollst nichts mehr investieren!“ Der Vater dachte: „Mein Sohn hat studiert. Er schaut Fernsehen, hört Radio, liest Zeitung. Er muss es wissen.“ Also verringerte er seine Fleisch- und Brötcheneinkäufe, sparte an der Qualität des Fleisches. Er verringerte seine Kosten, indem er keine Werbung mehr machte. Und das Schlimmste: die Ungewissheit vor der Zukunft ließ ihn missmutig werden im Umgang mit seinen Kunden. Was passierte darauf hin? Sein Absatz an heißen Würstchen fiel über Nacht. „Du hast Recht, mein Sohn“, sagte der Vater zum Jungen, „es steht uns eine schwere Rezession bevor“

  • „Man muss bloß die richtige Methode finden und Zukunft ist planbar / beherrschbar“. Das ist für viele Unternehmen wie „The Quest“, die Suche nach DER Methode. Da werden komplizierteste Ansätze der Analyse, von SWOT bis Portfolio oder verschiedene Formen der strategischen Planung durchexerziert. Wobei – verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich sind diese Ansätze hilfreich, aber als Krücken. Gehen (also denken) müssen wir immer noch selbst. Es gibt keine automatische Input-output-Maschine für die Zukunft. Bewerten, abschätzen und Risiken eingehen ist und bleibt Notwendigkeit. Außerdem wird bei einer übertriebenen Analysehaltung oft auch die Gestaltung vergessen. Das ist dann so als würde man eine Pflanze analysieren, studieren und beobachten, statt sie zu gießen.
  • „Es gibt Fachleute (Zukunftsmanager), die geheime Quellen für Zukunftswissen haben.“ Leider, leider nein. Ebenso wenig wie bisher noch so klug ausgetüfteltes Wissen den Sechser im Lotto garantieren konnte, gibt es auch kein Spezialwissen zur Zukunftsvorausschau. Die beobachtbaren Trends sind eigentlich für jeden beobachtbar, der sich damit beschäftigt; ungewiss bleibt jedoch die Frage der Interpretation.
  • „Zukunft ist das Neue“. Oft ist genau das Gegenteil der Fall: What goes around, comes around. Zukunft ist das, was wir immer wieder fokussieren, uns einreden oder erarbeiten. Klar verändert sich die Welt – „Alles bleibt anders“, wie der Titel der kommenden TA-Beratungskonferenz im März 2011 lautet. Dennoch ist nichts vollkommen Neuartiges denkbar, das nicht irgendwie an schon vorhandene Denkansätze anschließt; so war z.B. das Mobiltelefon, wenngleich erst in den letzten Jahrzehnten verbreitet, schon Anfang des letzten Jahrhunderts gedanklich in Zukunftsromanen angedacht.

Beispiele für denkenswerte Ansätze der Trendbeobachtung sind:

  • Zukünftig wird es um einen BildungsANschluss gehen, statt um einen BildungsABschluss, verbunden mit viel Selbstaneignung des Wissens, individualisiertem Lernen und Um- / Weiter- / Wiederlernen. Für die wissensbasierte Ökonomie wird Bildung und Lernen das Fundament sein.
  • In der Arbeit besteht ein Drift Richtung Komplexität und Ausdifferenzierung; dabei werden die Fünf-C-Ökonomie nachgefragt sein: Computing (deutlicher Trend zum digitalen Lebensstil), Caring, Catering, Consulting, Coaching. HORX spricht von einem „conceptual age“.
  • Vom „sicheren Arbeitsplatz“ hin zu „täglich einen neuen Beruf erfinden“: Die Vision für 2050 ist es, dass nur noch 30-40% unbefristete Verträge existieren werden, der Rest sind Selbständige, Unternehmer oder „prekäre“ Arbeitsverträge (Werkverträge, befristete Verträge).
  • „Armut heißt im 21. Jahrhundert nicht, Hunger zu leiden. Armut bedeutet eher ein Zuviel an Input und Zuwenig an Adaptivität“ „Das Elend ist keine Armut im Portemonnaie, sondern die Armut im Geiste. Der Unterschicht fehlt es nicht an Geld, sondern an Bildung.“
  • Die Verjüngungskultur wird anhalten: „The idea is to die young as late as possible“; das bei gleichzeitiger Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung im Westen und steigendem Gesundheitsbewusstsein.
  • Religionen werden wieder, wenn auch anders, bedeutsam, einmal in Form von „Megamemen“ oder „Memplexen“ (übergreifend verankerte Bedeutungen wie z.B. „Weihnachten“) oder als Sekten. Die Funktion des künftigen kosmopolitischen Spiritualismus wird es sein, auf dem Hintergrund global konkurrierende Wertesysteme das Ego zu relativieren, Weltordnung, Tröstung und Machtbannung zu liefern und Toleranz zu fördern.
  • Es wird die Notwendigkeit bestehen, eine neue Metaethik zu etablieren, die die derzeitige Komplexität von Demokratien übersteigt. Kernfrage wird sein: „Wer bestraft in Zukunft diejenigen, die den Nichtbestrafer nicht bestrafen?“

Interessanterweise berichtet HORX davon, dass Zukunftsforscher zwar uneinig sind über die konkreten Zukunftsszenarien, aber einig darin, dass die Presse über künftige Entwicklungen bedeutend pessimistischer ist als die tatsächlichen Trends indizieren. Leider (oder glücklicherweise) kann Zukunftsforschung m.E. nicht als „harte“ Wissenschaft gelten, die mit hohem Prognosewert die Zukunft vorhersagt, es bleibt immer mehr oder weniger viel Ungewissheit.

„Geht ein Mensch von Gewissheiten aus, wird er im Zweifel enden; gibt er sich aber damit zufrieden, von Zweifeln auszugehen, wird er am Ende Gewissheit haben“ (Francis Bacon).

Damit sind längst nicht alle Trends genannt, z.B. werden weitere Megatrends angegeben wie „Frauen auf dem Vormarsch“, „neue Mobilitätsmuster“, „Biologie als Leitwissenschaft u.a., die als übergreifende Trends teilweise schon seit Jahren und Jahrzehnten  bestehen.

In diesem Zusammenhang wäre es auch interessant, Zukunftsvorhersagen von vor zehn, zwanzig Jahren auf ihr Eintreten zu überprüfen. Allgemeine Trends treffen dabei oft erstaunlich genau zu, z.B. haben Naisbitt & Aburdene Globalisierung, freie Marktwirtschaft in Osteuropa, die zunehmende Privatisierung des Wohlfahrtsstaates, die zunehmende Bedeutung der Biologie (Gentech, Biotech, Nanotech) und damit verbundener ethischer Fragestellungen, die wirtschaftliche Expansion im asiatischen Raum, das Wiederaufleben der Religionen und weitere Trend vorhergesagt, die überwiegend auch eingetreten sind. Der Club of Rome hat viele spezifische gesellschaftliche und technische Realitäten wie z.B. die Dienstleistungsgesellschaft, die Volatilität der Finanzmärkte, abnehmende Ertragszuwächse bei technischen Entwicklungen, die zunehmende Bedeutung von Wissensmanagement (Filtern und Gewichten von Datenmengen), die zunehmende Produkthaftung (Kauf von Leistungen und nicht nur Produkten), den PC als Basis des typischen Arbeitsplatzes, Verlängerung der Lebensarbeitszeit, zunehmende Arbeitszeitflexibilisierung etc. vorhergesagt.

  • Wie haben Sie sich die Welt heute vor zehn, zwanzig Jahren vorgestellt?
  • Was sind die überraschendsten Veränderungen; was war eigentlich absehbar, hätte man die Zeichen richtig gedeutet?

3. Menschliches Handeln

Welch ein Glück – neben Schicksal und prognostizierbarer Determination steht uns der freie Wille zur Verfügung, ist unser Handeln relevant. Wie sehr wir unsere Wirklichkeit und Zukunft konstruieren, wurde schon bei der Vagheit der Ergebnisse von Zukunftsforschung deutlich. Und so können wir uns darauf verlassen: „Es steht uns immer frei, entsprechend jener Zukunft zu handeln, die wir uns schaffen wollen.“

B. Der besondere Beitrag der Transaktionsanalyse

Einen wichtigen Fokus auf menschliches Handeln zu legen, ähnelt sehr stark dem, was in der Transaktionsanalyse Autonomie bedeutet, nämlich in Kontakt mit sich und relevanten Umwelten die eigene Entwicklung zu steuern, in diesem Sinne Zukunft vorwegzunehmen und zu gestalten. Aus meiner Sicht sind es fünf USPs (Unique selling proposition), d.h. spezifische und besondere Beiträge der TA zum Thema Zukunftsgestaltung:

1. Verantwortung und Autonomie als zentrale Ziele

Ein Metaziel der TA und ihrer Methoden ist es, Menschen und Organisationen darin zu unterstützen, verantwortlich für sich und ihre Umwelt zu denken, fühlen und handeln. Sie fördert Autonomie im Sinne von verantwortlicher Selbststeuerung und Professionalität. Klassischerweise, vom Gründer der TA, Eric Berne, wird Autonomie dabei umschrieben und erläutert mit den Begriffen Bewusstheit, Spontaneität und Intimität. Im Organisationskontext könnte man dann auch von organisationaler Autonomie sprechen, die konstruktive Selbststeuerung nicht nur von Individuen, sondern auch von Organisationssystemen wie Teams und Abteilungen bis hin zur Gesamtorganisation beinhaltet. Dabei sind teilweise andere Begriffe sinnvoll:

  • Bewusstheit: Dieser Begriff ist meines Erachtens auch so übernehmbar. Bewusstheit bedeutet, sowohl relevante Umwelten wahrzunehmen und z.B. künftige Markt- und Kundenbedürfnisse angemessen zu erforschen, als auch sich selbst mit Unternehmensvisionen, Strategien, Zielen, Businessplänen zu positionieren. Die TA bietet viele Methoden, individuelle Bewusstheit zu fördern – erwähnt sei hier das weite Gebiet der Skriptanalyse. Viele Konzepte und Methoden wurden auf Organisationen übertragen und weiter entwickelt, z.B. Anwendungen von Prozessskriptmustern auf Organisationen oder die Analyse von Systemen unter Skriptgesichtspunkten.
  • Flexibilität: Spontaneität (aus sich heraus flexibel und situationsangemessen reagieren, freien Zugang zu allen Ich-Zuständen haben) wird oft missverstanden und mit Impulsivität (aus einem äußeren Impuls heraus handeln) verwechselt. Deshalb finde ich es einfacher, von Flexibilität zu sprechen. Flexibilität bezieht sich auf Wege der Ideenfindung, situative Führung, Entscheidungsfindungsprozesse, Ressourcennutzung und Wissensmanagement. Flexibilität bedeutet, freien Zugang zu verschiedenen Energiequellen zu haben und so kreativ Probleme lösen zu können. Neben Konzepten der Persönlichkeitsentwicklung (z.B. Ich-Zustände) gilt es hier, die kulturellen Prägungen und Systemnotwendigkeiten zu beachten, die angemessene organisationale Autonomie bedingen oder einschränken. Hilfreich sind hier z.B. die Gruppendiagramme und -strukturen nach Berne oder systemische und wirklichkeitsanalytische Konzepte von Bernd Schmid, insbesondere auch Konzepte des Rollenmanagements.
  • Kommunikationsfähigkeit: Dass „Intimität“ speziell im Organisationsbereich zu Missverständnissen führen kann ist offensichtlich. Gemeint ist eigentlich ein aufrichtiger, direkter Zugang zu anderen Menschen. Meines Erachtens drückt sich hier eine Wertehaltung aus, die Vertrauen, Klarheit, Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit anderen Menschen beinhaltet. Diese Grundhaltung äußert sich dann in der Besprechungs-, Konflikt- und Feedbackkultur, in der Art, in der interne und externe Kommunikation (Kunden, Lieferanten etc.) stattfindet, aber auch in einer Art emotionaler Kompetenz: Gefühle sind wichtig und (angemessen) zugelassen und Erwartungen, Erfolge und Misserfolge werden offen thematisiert. Insbesondere zum Thema Kommunikation liefert die TA viele Konzepte (von Interaktionen über Spiele, Dramadreieck etc.). Erwähnen möchte ich hier speziell die Konzepte „Abwertung“ und „Strokes“. Die Art und Weise, in der wir uns einander zuwenden und konstruktiv oder destruktiv Rückmeldung geben, scheint mir aus meiner Erfahrung eines der stärksten Kommunikationsinstrumente zu sein: Es wächst das, was wir gießen (mit Aufmerksamkeit betrachten). Dieser TA-Ansatz passt sehr gut zu neueren Ansätzen der positiven Psychologie und zum ressourcen- und lösungsorientierten Ansatz.

2. Entscheidungsorientiertes Verfahren

Die TA fördert Denken in Optionen und Wahlmöglichkeiten. Sie ist von ihrer ursprünglich therapeutischen Ausrichtung her grundsätzlich an Entscheidungen orientiert (Neuentscheidungstherapie). Dabei geht es sowohl um „bewusste“, ER (Erwachsenen-Ich)-Entscheidungen, als auch darum, das „Kind“ mitzunehmen, Unbewusstes, Emotionen, Bedürfnisse etc. Die zentrale Frage „Was braucht es, damit alle (Anteile) mitmachen“ ist auch der Ausgangspunkt für Vereinbarungen, Motivation, Zielreichung und Teamarbeit.

Dabei wird besonders ER-Denken gefördert, erwachsenes, realitätsangemessenes, klärendes und problemlösendes Denken. Also nicht grübeln oder beurteilen, sondern die Realität prüfen (Fakten und Emotionen), Informationen sammeln und bewerten, den Kontext einbeziehen, Alternativen wahrnehmen, Hypothesen entwickeln, sich entscheiden und kleine Schritte planen. So wird ein psychischer Zustand von Stabilität erreicht, von Gelassenheit statt Besorgtheit.

Skriptglaubenssätze und (auch kulturelle) Trübungen können bewusst gemacht und überwunden werden, z.B. könnte ein kulturell weit verbreiteter Skriptsatz in Bezug auf Zukunftspläne den Titel „Bescheidenheit“ haben („Schuster bleib bei deinen Leisten, Übermut tut selten gut, Vögel die morgens pfeifen holt abends die Katz“ etc.). Entscheidungsorientiert könnte man hier verschiedene methodische Ansätze wählen.

Oft geht es darum, unverfälschte ursprüngliche Kind-Bedürfnisse zu entdecken: „Was will ich wirklich?“ und was davon ist nicht mehr realistisch, Skript oder einfach überholt?

Oft liegen Entscheidungsfragen, inzwischen aber auch die Auswahl eines Zuviel an Optionen zugrunde. Hier gilt es auch, eine innere Entscheidungsinstanz zu stärken, die sowohl die bestmöglichen Alternativen analysieren, als auch zur Ungewissheit von Entscheidungen stehen kann und das Konzept „DIE richtige Wahl treffen“ als Illusion erkennt.

Ich selbst setze hier gerne den Kurzfilm „Selma das Schaf“ (zu erhalten unter www.filmwerk.de) ein, in dem Selma gefragt wird, was es denn tun würde, wenn es a) mehr Geld und b) mehr Zeit hätte. Diese Fragen kann man in Coaching und Persönlichkeitsentwicklung insbesondere bei Fragen der Zukunftsgestaltung sehr gut übernehmen:

  • Was würde ich tun / wollen / sein, wenn ich mehr Zeit und/oder Geld hätte?
  • Was davon ist mir wirklich wichtig, wahres Bedürfnis?
  • Wie kann ich (dahinterliegende) Anteile in mein jetziges Leben integrieren?

3. Wertorientierter Ansatz (Ethik)

Rein systemische Ansätze stehen häufig in der Gefahr der Beliebigkeit, „Wahrheit“ fällt dem Konstruktivismus zum Opfer. Die TA hilft, eigene und fremdgesteuerte Wertsysteme zu erkennen und zur eigenen authentischen Werte-Identität zu finden. Da Werte jedoch nie nur Sache des Einzelnen sind, verfügt die TA-Community über ethische Grundlagen, die im Dialog lebendig gehalten werden. Dieser Ansatz wird genährt durch die Grundhaltung, dass alle Menschen in Ordnung sind und jeder in der Lage zu denken. Konzepte wie Abwertung und Wertung betonen die Wichtigkeit, auf Ressourcen und Lösungen zu achten. Im Rahmen immer komplexerer globaler Wirtschaftssysteme und immer stärkerer Beziehungsvernetzung (wie der nächste TA-Kongress dann auch fokussiert: „Leben in Beziehungen – Beziehungen im Leben“) wird diesem spezifischen Beitrag der TA ein immer höherer Wert beikommen bzw. sind wir hier gefordert, Methoden und Ansätze weiter zu entwickeln.

4. Eklektisch-pragmatischer Ansatz

“Vain is to do more what can be done with less“. Diesen philosophischen Leitsatz legte unser Gründer Eric Berne der TA mit in die Wiege. Seine Implikation ist z.B. auch, nicht aufgrund theoretischer Axiome zu handeln, sondern genau hinzuschauen, was wirkt und offen zu sein, aus praktischen Erfahrungen neuen Theorien zu entwickeln, statt die Theorie der Praxis überzustülpen. Das bedeutet auch eine Selbstverpflichtung, sich neue Ansätze und Erkenntnisse zu erarbeiten. Der TA geht es also mehr um Innovation und Integration als um Abgrenzung.

5. Verknüpfung von Visionen und Realitätssinn

Visionen nicht mit Halluzinationen zu verwechseln, aber auch vor lauter Bodenhaftung nicht im Dreck zu versinken – zu einer visionär-realistischen Zukunftsgestaltung leistet die TA allein schon durch das Basiskonzept der Ich-Zustände einen wichtigen Beitrag, aber auch andere Modelle wie Trübung, Skript etc. erhellen Visions-, Ziel- und Strategieprozesse.

Dabei sind es drei Ebenen, die zusammen wirken, um Vision und Realität zu verknüpfen und für eine gewollte Zukunft zu stabilisieren:

  • Erfinden (tendenziell Kind-Ich-Energie): Nutzen der kreativen Energie von Träumen, Sehnsüchten und Visionen:
  1. Was sind Sehnsüchte, Visionen, Träume? Meine, die der Firma?
  2. Was ist in mir angelegt (Physis), was ist schädlich und zu verändern (Skript)?
  3. „Was will durch mich / uns in die Welt“
  • Erforschen (tendenziell Erwachsenen-Ich-Energie): Sich wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich machen, lernen, fundierte Zukunftsforschung betreiben:
  1. Was ist der (ursprüngliche) Auftrag an uns als Unternehmen (Mission)?
  2. Was sind Notwendigkeiten, Ist-Situation, Märkte, Verpflichtungen?
  3. Wo können wir uns die nötigen Informationen besorgen?
  • Vereinbaren (tendenziell Eltern-Ich-Energie): Zukunft entwickeln durch zwischenmenschliches (Ver-)Handeln, Beeinflussung, Führung und Kommunikation:
  1. Wie setzen wir unsere Pläne um?
  2. Was sind operationalisierbare Ziele, Schritte und Maßnahmen?
  3. Was davon ist mit wem zu besprechen / verhandeln?
  4. Was sind grundlegende Werteanker? Wie stabilisieren wir uns?
  5. Wie erhalte ich / wir Kraft und Mut zum Durchhalten / Umsetzen?

C. Ausblick

Die Transaktionsanalyse hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie in der Lage ist, ihr Paradigma von therapeutisch-personenorientierter Denkweise in einen systemisch-lösungsorientierten Ansatz zu überführen und damit als organisationspsychologische Methodik zu überleben. Wachsende Mitgliederzahlen, Ideen, Konzepte, Kongresse und andere Foren des Austausches zeigen, dass die organisationale TA den Sprung von der Vergangenheit in die Gegenwart geschafft hat. Um auch den Sprung in die Zukunft zu bewältigen, müssen meiner Ansicht nach folgende drei Bereiche in der TA als Gesamtes, hier mit tendenzieller Schwerpunktsetzung im Organisationsbereich, angegangen werden:

1. Fokussierung und Sichtbarkeit

Insbesondere in drei der Fünf-C-Ökonomie könnten wir eine leading edge erreichen: Coaching und Consulting als originäre Methoden der Organisations-TA und im Bereich Caring sicherlich viele innovative Konzepte wie z.B. 50+ in der Arbeitswelt oder Methoden im Pflegebereich etc.

  • Schaffen wir es, unseren USP konzentriert und in der Sprache unserer Kunden zu kommunizieren?
  • Sind wir uns überhaupt einig, was unser USP ist?
  • Wie können wir uns fokussieren und den Kunden eine Orientierungsmethode zur Navigation in unübersichtlichen Zeiten bieten?

2. Werteorientierung und Ethik

Wir haben ein fundiertes ethisches Konzept mit einem klaren Wertekanon.

  • Wie wird es uns gelingen, unser ethisches Konzept zu kommunizieren?
  • Wie können wir unser ethisches Bewusstsein und Methoden in ein neues Metakonzept transferieren?

3. Lernen

Insbesondere im Bereich der Erwachsenenbildung hat die TA viele didaktische und pädagogische Konzepte entwickelt, die uns für die Zukunft des lebenslangen Neu-, Um-, und Wiederlernens fit machen können. Als TA im Gesamten, aber auch speziell im Organisationsbereich, können wir davon profitieren.

  • Wie können wir den Trend des lebenslangen Lernens unterstützen und mit hilfreichen Methoden fördern?
  • Wie können wir selbst unser vorhandenes Wissen managen und voneinander lernen?

Lassen Sie mich mit einem Spruch schließen, von dem ich nicht genau weiß, ob ich ihn selbst erfunden habe: „Wir werden unsere Zukunft nicht finden, wenn wir sie nicht erfinden“.

Über den Autor

Jutta Kreyenberg, Diplom-Psychologin, Lehrtrainerin und Lehrsupervisorin für systemische Transaktionsanalyse für den Bereich Organisation, Erfahrung als Teamentwicklerin und Führungskraft in einem Großunternehmen, seit 1995 selbständig, seit 1996 Lehrtrainerin bei Professio, 1999 Gründung “Institut für Coaching & Supervision“. Kernkompetenzen: Coaching, Führung, Konfliktmanagement, Ausbildung von Coachs, Beratern und Trainern.

Jutta Kreyenberg

Kontaktdaten

Institut für Coaching & Supervision
Bodelschwinghstr. 49
67227 Frankenthal
Telefon: 0 6233 / 4 59 95 54
Fax: 0 6233 / 4 59 96 75
E-Mail: Info@CoachingSupervision.de
Internet: http://www.coachingsupervision.de

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