Als Freiberufler innovativ sein: zwischen Investition und Fortbildung

Stillstand bedeutet Rückschritt, denn die Konkurrenz holt uns ein oder läuft uns sogar davon. Das gilt nicht nur für Global Players, sondern für jedes Unternehmen einschließlich uns Freiberuflern. Sie können nicht jahrein, jahraus dieselbe Schulung, Dienstleistung oder Idee verkaufen.

Außerdem muss ein Freiberufler per Definition Zeit und Geld in neue, unsichere Projekte investieren. Das unterscheidet ihn nämlich vom Leiharbeiter. Und letztlich suchen wir doch insgeheim ständig nach der ultimativen Geschäftsidee: viel Geld für wenig Arbeit, passives Einkommen. Eigene Ideen umzusetzen, ist für viele geradezu die Gründungsmotivation.

Neues muss also her. Aber wie?

Wer soll das bezahlen?

Innovativ zu sein als Angestellter funktioniert so: Man beantragt „oben“ ein Budget. Wird es bewilligt, dann hat man Zeit und Material für die Umsetzung dieser Idee. Zwar kann auch der Freiberufler eine Finanzierung fürs Ausprobieren beantragen, z. B. bei der Wirtschaftsförderung, Wettbewerben, Business Angels oder Kunden. Die Erfolgschancen liegen bei niedrigen Werten. Wenn ich, um ein Beispiel durchzurechnen, zehn Anträge schreibe, der jeder 100 Stunden Aufwand bereitet, sind 1000 Stunden weg. Am Ende wird ein einziger bewilligt. Sagen wir, die Fördersumme betrage 100.000 €. Ulkigerweise deckt das gerade mal die bisherigen Aufwände für die Antragstellung à 100 € pro Stunde. Dabei soll das Projektbudget gar nicht das Antragschreiben, sondern die Durchführung des Projektes finanzieren. Als Unternehmen bekommt der Freiberufler bei öffentlichen Fördergebern nur die Hälfte seiner Kosten erstattet, für die andere Hälfte muss er glaubwürdig eine Eigenfinanzierung nachweisen. Größere Firmen belegen dies durch Gewinne anderer Geschäftsbereiche. Als Freiberufler wird das mühsamer. Hat die Ein-Mann-Firma tatsächlich 100.000 € Gewinn übrig?

Effizienter wird das Antragstellen durch Wiederverwendung von abgelehnten Anträgen, was nach meiner Erfahrung den Aufwand bei einer Wiedereinreichung nur ca. auf die Hälfte reduziert. Schließlich hat der nächste Fördergeber andere Vorlagen und Ansprüche an den Antrag, vor allem aber andere Ziele. Fröhliches Umformulieren und Umformatieren! Vorteilhaft ist auch die Zusammenarbeit mit Partnern. Man teilt sich den Aufwand fürs Schreiben und beantragt bei gleichem Aufwand ein höheres Budget.

Aber lassen wir das. Ich finanziere meine Innovationen selbst und spare mir die aufwändige und frustrierende Antragstellung, die Aufwand und vor allem auch Wartezeiten verursacht. Falls das Thema Förderung Sie dennoch nicht loslässt, können Sie hier weiterlesen: https://www.selbststaendig.de/foerdermitteldatenbank-tipps-suche

Einfach machen!

Bevor sich Ihr Elan und die gute Idee im Marathon von Antragstellungen und Bettelbriefen totlaufen, legen Sie doch einfach los! Einfach machen! Natürlich benötigt das Projekt ein Zeitbudget. Mehrere meiner Innovationsprojekte haben 200 Stunden Arbeit verursacht, die sich über Monate hinzogen. 200 Stunden, in denen ich auf mögliches Einkommen verzichtet habe. Oder auch nicht. Man muss die neue Dienstleistung nicht unbedingt zur besten Arbeitszeit entwickeln. Nutzen lassen sich dafür das Sommerloch, Brückentage, Tage an denen ein geplanter Termin kurzfristig entfällt, Zugfahrten oder der Urlaub. Denkbar ist auch, dass man sich selbst fünf Stunden Innovationsbudget pro Woche bewilligt. Praktisch sind das dann unbezahlte Überstunden. Also null Kosten!

Außer Arbeitszeit fallen bei der Entwicklung einer Dienstleistung auch echte Kosten an wie Gebühren für Software-Lizenzen und Honorare für externe Zuarbeit. Das ist aber der kleinere Teil der Investition. Dieses Geld verschwindet sicher von ihrem Konto, der „return on investment“ (= Gewinn pro investiertem Euro) ist ungewiss. Aber es ist eine Chance. Sie könnten mit der neuen Idee unermesslich reich werden. Und hoffentlich hatten Sie Spaß am kreativen Machen!

Eine Innovation finanziert die nächste

Wenn Sie eine geniale Idee hegen für eine neue Dienstleistung oder ein anderes Angebot, dann finanzieren Sie es doch wie die Großen: aus den Gewinnen der anderen Projekte. Dabei gibt es zwei alternative Möglichkeiten:

1.)    Innovation finanziert Innovation,

2.)    Solider Brotjob finanziert Höhenflüge.

Ganz wichtig ist es, nicht alle Innovationsprojekte zum selben Zeitpunkt zu starten. Der Tag hat nur 24 Stunden. Schon allein, um ein gewisses Mindesttempo beizubehalten, sollte man als Einzelperson nur eine Idee nach der anderen umsetzen, nicht alle gleichzeitig. Wichtiger als die geistige und zeitliche Fokussierung ist aber auch der Finanzierungsaspekt. Nehmen wir an, die erste Innovation sei erfolgreich, dann können Sie mit dem Gewinn die zweite finanzieren. Mit dem Gewinn der zweiten die dritte. Oder die Projekte überlappen sich, dann finanziert die dritte die erste. Neulich las ich z. B. von Morton Rhue, er habe vom Honorar seines ersten Romans eine Glückskeksfirma gegründet. Und diese Firma finanzierte dann wiederum den zweiten Roman. Das klappt leider nicht immer. Je nach Statistik gelten 20 % aller Innovationsprojekte als erfolgreich, teilweise auch mehr. Wobei Erfolg ja fließend zwischen „außer Spesen nichts gewesen“ und „Investition vervielfacht“ variieren kann.

Enden die ersten Innovationen als Flops, dann müssen andere Geschäftsbereiche die nächsten Innovationen tragen – nachdem die Ursachen des Misserfolgs analysiert sind. Bewährt hat sich für mich das Portofoliomanagement mit der Risk-Reward-Matrix. Diese klassifiziert die Produkte oder Dienstleistungen eines Unternehmens in zwei Dimensionen hinsichtlich ihres Risikos und des zu erwartenden Gewinns. Daraus ergeben sich vier Kategorien wie in der Abbildung dargestellt:

Das Brot-und-Butter-Geschäft erwirtschaftet zuverlässig einen geringen Ertrag. Damit verdient man sich buchstäblich nur Brot und Butter, dafür aber hoffentlich mit unerschütterlicher Regelmäßigkeit. Perlen bedeuten seltene Glücksfälle: Sie bringen bei hoher Erfolgswahrscheinlichkeit außerdem hohen Ertrag. Leider bleiben sie nur solange wertvoll, bis die anderen sie auch entdecken. Ab dann steigt die Konkurrenz, und der Ertrag sinkt. Aus der Perle wird ein Brot-Job. Gewagte Innovationsprojekte finden wir eher im unteren Bereich der Matrix. Wegen ihrer Neuartigkeit ist noch ungewiss, ob sie einen vorhandenen Bedarf decken. Die Erfolgswahrscheinlichkeit ist unbekannt oder sogar gering. Aber versuchen wollten wir es, wir investieren in diese Idee, weil wir daran glauben. Idealerweise sollte im Erfolgsfall ein hoher Ertrag dabei herausspringen, damit sich Risiko und möglicher Gewinn die Waage halten. Der erwartete Ertrag berechnet sich grob als Produkt aus Erfolgswahrscheinlichkeit mal dem möglichen Ertrag. Diese Projekte sind Austern, denn sie könnten eine Perle enthalten oder bei wachsender Erfahrung dazu werden. Was keiner braucht ist das Projekt, das bei niedriger Erfolgswahrscheinlichkeit nur geringen Ertrag einfahren kann. Diese Projekte sind so nötig wie ein weißer Elefant (also Luxus) oder wie ein Klotz am Bein. Wenn wir uns an der Faustformel orientieren, dass ein hohes Risiko durch einen hohen möglichen Ertrag ausgeglichen werden muss, dann sollten Ihre Projekte sich in der Risk-Reward-Matrix um eine Diagonale herum gruppieren, die von oben links nach unten rechts reicht. Das obige Beispiel wäre ausgewogen.

Zeichnen Sie mal Ihr eigenes Portfolio! Jedes Produkt oder jede Dienstleistung sei ein Sternchen. Bei mir wären es meine Kurse oder, um zu vereinfachen, die Schulungsanbieter, mit denen ich zusammenarbeite. Das passt bei mir sehr gut, weil ich gezielt mein Portfolio entsprechend entwickelt habe.

Freiberufler innovieren effizienter

Ein Freiberufler kann anders kalkulieren als größere Unternehmen. Wenn in einer Firma der Angestellte Stunden damit verbringt, eine Innovation zu entwickeln, kostet das genauso viel wie die Arbeit für den Kunden, nämlich den vollen Gehalt. Da wird dem Arbeitgeber nichts geschenkt. Im schlimmsten Fall werden Ideen, die sich schnell als Schnapsidee herausstellen, trotzdem weiterverfolgt, weil ja das Budget schon bewilligt wurde. Das passiert dem Freiberufler nicht, denn als sein eigener Chef widerstrebt es ihm, Zeit und Geld zu verschwenden.

Ohne Hin und Her sowie Abstimmungen mit einem Team oder Vorgesetztem entwickeln Sie ein Ergebnis, das aus einem Guss ist und genau Ihre Handschrift trägt!

Was für Großprojekte kann eine Person alleine schon aus dem Boden stampfen? Eben! Das Risiko bleibt überschaubar, vor allem wenn Sie darauf achten, schnell etwas Verkaufbares herzustellen, das sogenannte Minimum Marketable Product. Wenn Sie beispielsweise eine dreitägige Schulung zu einem neuen Thema planen, halten Sie doch erstmal einen einstündigen Vortrag darüber. Das Feedback unterstützt Ihre Weiterentwicklung. Danach bieten Sie vielleicht auf einer Konferenz einen vierstündigen Workshop an. Und zuletzt wird der Kurs auf drei Tage erweitert. So wächst nicht nur der Umfang Ihres Materials, sondern vor allem auch dessen Qualität. Sie kontrollieren so das Risiko, Aufwand in etwas zu investieren, das nur Ihnen selbst gefällt.

Wenn Sie sich näher damit beschäftigen möchten, wie Sie mit kleinem Budget systematisch und risikoarm neue Produkte (auch Dienstleistungen) testen und verbessern können, empfehle ich Ihnen das Buch „Lean Startup“ von Eric Ries. Rund um dieses Prinzip hat sich eine Community entwickelt (http://theleanstartup.com/), auch mit deutschen Gruppen (https://www.meetup.com/de-DE/topics/lean-startup/de/).

In einem früheren Artikel habe ich darüber philosophiert, wie ein Experte überhaupt noch dazu lernen kann: Learning by doing! Auch wenn der erste E-Learning-Kurs kein Beststeller wird, haben Sie die Verwendung der nötigen Tools eingeübt. Es empfiehlt sich sogar, für den ersten Versuch gerade nicht Ihr Herzensthema zu verbrennen, sondern mit einem Nebenthema im Kleinen zu üben.

Fazit

Auch als Freiberufler muss und kann man innovativ sein. Eine Dienstleistung neu zu entwickeln kostet Sie vor allem Zeit. Investieren Sie kontinuierlich in Innovationen, was Sie aus den anderen Tätigkeiten finanzieren. Vielleicht landen Sie noch den genialen Coup!

Über den Autor

Freiberufliche Trainerin und Beraterin für IT-Management. Meine 20 Berufsjahre waren eine bereichernde Kombination aus Praxis und Forschung: 7 Jahre als Beraterin und Projektleiterin, 10 Jahre in der Forschung und universitären Lehre, bis hin zu Vertretungs- und Gastprofessuren. Mehr als 100 Fachpublikationen, regelmäßige Konferenzvorträge, offizielle Supporterin des IREB-Board, Mitautorin von Lehrplan und Handbuch des IREB für die CPRE Advanced Level Zertifizierung in Requirements Management, Regionalgruppensprecherin der Gesellschaft für Informatik in Stuttgart-Böblingen und Anbieterin von E-Learning-Kursen. Blog: http://herrmannehrlich.twoday.net/.

Dr. Andrea Herrmann

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