Speed Reading – Was geht und was geht nicht?

Schon als Schülerin entdeckte ich im Bücherregal meiner Eltern ein Trainingsbuch für das Schnelllesen. In 30 einstündigen Lektionen verdoppelte ich damit innerhalb eines Monats mein Lesetempo. Das war hilfreich für Abitur, Studium und Berufsleben, denn Lesen ist eine wichtige Form der Wissensaufnahme. Obwohl inzwischen Videos und Podcasts als Informationsquelle dazu kommen, ist der Lesestoff nicht weniger geworden. Und natürlich gibt es immer mehr Lesestoff als man eigentlich schaffen kann.

Wie funktioniert Schnelllesen?

Wie leider bei vielen anderen Fähigkeiten auch, hat uns die Grundschule erstmal ein ineffizientes Anfängervorgehen gelehrt und das Schulwesen hat es verpasst, uns später auf Fortgeschrittenenniveau zu heben. Natürlich kann der Grundschüler nicht anders lesen als eine Silbe nach der anderen, wo doch der einzelne Buchstabe schon ungewiss ist. Und der Lehrer lässt gerne die ABC-Schützen laut vorlesen, um zu kontrollieren, ob sie das Wort richtig verstanden haben. Um das Textverständnis zu prüfen, muss der Schüler hinterher jedes noch so winzige Detail wiedergeben können, also sehr, sehr gründlich lesen. Laut lesend kommt man in diesem Stil auf 150 Wörter pro Minute, ohne Mitsprechen auf 200 Wörter pro Minute.

Das Prinzip des Schnelllesens besteht darin, nicht einzelne Buchstaben oder Wörter zu betrachten, sondern ganze Wortgruppen. Optisch und intellektuell ist das gut möglich. Das Mitlesen mit den Lippen, die sogenannte Subvokalisation, ist als Bremse verpönt.

Je nach Leseziel verwendet man eine angepasste Technik. Leider: Je schneller Sie lesen, umso weniger Inhalt bleibt hängen. Mit Ausnahme eines zu langsamen Lesetempos, bei dem sich das Gehirn langweilt und abschweift. Die Denkgeschwindigkeit beträgt nämlich 600 Wörter pro Minute. Ein Lesetempo von 400 Wörtern pro Minute passt da ganz gut, damit noch Denkkapazität fürs Bewerten übrig bleibt. Der Weltrekord liegt bei über 4000 Wörtern pro Minute.

Wollen Sie das Gelesene tatsächlich verstehen, dann verwenden Sie für dieses verstehende Lesen folgende Technik: Teilen Sie eine Buchseite mit einer transparenten Schablone oder auch nur in Gedanken in drei Streifen senkrecht von oben nach unten, s. Bild. Statt mit den Augen langsam und kontinuierlich die Zeile entlang zu kriechen, springen Sie. Zuerst lesen Sie das linke Drittel der Zeile, dann das mittlere und dann das rechte. Als nächstes die Folgezeile. Ist die Buchseite schmal, können Sie sie auch mit zwei Haltepunkten schaffen. Bei Zeitschriftenseiten, deren Seiten übrigens genau darum in drei Spalten aufteilt sind, bewegen Sie die Augen gar nicht mehr von links nach rechts, sondern fokussieren die Mitte der Spalte und lesen von oben nach unten.

Geht es nur ums kursorische Lesen, um zu entscheiden, ob überhaupt oder in welchem Umfang der vorliegende Text weiter bearbeitet werden soll, kann man buchstäblich diagonal darüber lesen. Man nimmt sich eine Lesehilfe, z. B. eine Stricknadel, und fährt diagonal, in Kringeln oder in Wellenlinien über die Seite, wobei die Augen der Nadel folgen. Dabei kann man problemlos mehrere Zeilen gemeinsam oder Zeilen auch rückwärts lesen.

Wie kann man es lernen?

Leider habe ich das Lehrbuch von damals nicht wiedergefunden und auch kein gleichwertiges neues. Die gängigen Fachbücher beschreiben nur recht abstrakt, wie der Autor diese Fähigkeit in seinen Kursen lehrt. Klar, er will ja weiterhin seine Schulungen verkaufen. Die zwei besten mir bekannten Bücher sind:

  • Wolfgang Zielke: Schneller lesen, besser lesen. Verlag moderne Industrie, 1966
  • Christian Grüning: Visual Reading – Garantiert schneller lesen und mehr verstehen. Verlag Grüning, 2007

Am besten besuchen Sie für den Start einen Speed Reading Kurs und trainieren dann zu Hause weiter. Auch Speed Reading Apps sind hilfreich. Ich persönlich habe noch keine probiert, kann mir aber gut vorstellen, dass dieses Hilfsmittel die typischen Übungen ausgezeichnet unterstützt.

Das Wichtigste ist aber wie immer: üben, üben, üben. Das Gute ist gerade beim Schnelllesen, dass Sie täglich Gelegenheit dazu finden, ohne Ihren täglichen Arbeits- oder Leseplatz zu verlassen.

Anfangs lenkt die Konzentration auf die Augenbewegung und auf die Hilfsmittel vom Inhalt ab, aber das verbessert sich mit der Übung. Darum trainieren Sie mit unwichtigeren Texten, bei denen Ihnen ruhig inhaltlich etwas entgehen darf.

Um einzuschätzen, wie schnell Sie bereits lesen, können Sie entweder bei einem elektronischen Text die Anzahl der Wörter automatisch zählen oder als Faustformel rechnen, dass eine Taschenbuchseite ca. 350 Wörter enthält. Eine Buchseite pro Minute ist also machbar.

Um das Gehirn an höhere Geschwindigkeiten zu gewöhnen, lesen Sie am besten regelmäßig auch viel schneller, als es Ihnen angenehm ist. Nur zum Training. Danach kommen Ihnen 400 Wörter pro Minute wie ein gemütlicher Spaziergang vor.

Wo liegen die Grenzen?

Schon in der Grundschule haben Sie eine sehr ineffiziente Lesetechnik gelernt. Ich habe immer wieder Kursteilnehmer/innen, die sich schwer damit tun, sich das Mitlesen mit den Lippen abzugewöhnen. Je länger Sie das schon praktizieren, umso schwieriger legen Sie die alte Gewohnheit wieder ab! Unmöglich ist es nicht, Sie müssen nur üben, üben, üben. Tendenziell tun sich junge Leute leichter damit, ihren Lesestil noch zu korrigieren.

Grundsätzlich muss man auch bei höchster Konzentration Kompromisse beim Verständnis und Behalten machen. Je schneller Sie lesen, umso eher entgehen Ihnen Details oder irgendwann auch wichtige Inhalte. Nach meiner Erfahrung kann man umso schneller lesen, je bekannter der Inhalt. Texte über Ihr Spezialgebiet können Sie schneller überfliegen als wenn Sie sich in etwas Neues einarbeiten. In der Muttersprache liest man schneller als in einer Fremdsprache. Auch schlecht formulierte und unstrukturierte Texte bremsen den Leser aus. Sogar die Tagesform spielt eine Rolle. Beim Lesen sollten Sie darum nicht nur die Zeit messen, sondern auch darauf achten, dass Sie den Lesestoff verstehen. Ich stelle dies dadurch sicher, dass ich mir immer Notizen mache, auch dann, wenn ich sie hinterher wegwerfe.

Will ich einen Text vollständig verstehen, z. B. weil ich über den Inhalt später vortrage, dann lese ich ihn ohnehin mehrmals. Beim ersten Durchgang verschaffe ich mir einen Überblick, ob der Text relevant ist und wenn ja, welche Teile. Beim zweiten Durchlauf notiere ich Wichtiges und beim dritten prüfe ich, ob ich nichts vergessen habe. Dann sitzt der Stoff! Ohnehin führt Lesen allein selten dazu, dass man sich Inhalte merket, außer sie sind besonders skandalös oder spektakulär, also emotional aufwühlend. Um sich tröge Fakten merken zu können, müssen Sie damit arbeiten: zusammenfassen, neu formulieren, sortieren, vergleichen.

Trends und Ausblick

Lesen kommt ein wenig aus der Mode. Wissen wird auch als Video oder Podcast angeboten. Ich ziehe immer noch den Text vor. Nicht nur, weil ich darauf trainiert bin, sondern auch weil der Schnelldurchlauf bei Videos nicht gut funktioniert. Eine Textseite kann ich vollständig überblicken, auch die Teile, die ich nicht gründlich lese. Bei Videos scrolle ich offensichtlich immer an der falschen Stelle vor. Zwar kann man sich im Schnelldurchlauf die Bilder ansehen, aber nicht den Ton. Woher weiß ich, was gesagt wurde, wenn ich es nicht gehört habe? Schnellhören ist nur in sehr engen Grenzen möglich.

Das Schnelllesen bringt für das Berufsleben nur Vorteile, weswegen ich finde, dass jede/r es lernen sollte. Sie können nicht nur denselben Text in der halben Zeit schaffen, sondern Ihre Geschwindigkeit und Gründlichkeit gezielt steuern. Außerdem kann das ans schnelle Lesen gewohnte Gehirn gut Muster erkennen. Wichtig ist dies dort, wo ein umfangreicher Text (Lehrbuch, Gesetz, Vertrag, Anforderungsspezifikation) an wenigen, aber wesentlichen Stellen geändert wurde. Dieser Anwendungsfall ist häufig und vor allem auch die Unsitte, in solche langen Texte in letzter Minute unliebsame Änderungen unauffällig einzuflechten, die dann versehentlich durchgewunken werden. Nur eines von vielen meiner Beispiele ist ein angeblich kaum geänderter Rahmenvertrag, laut dem ich plötzlich die Rechte an meinen Schulungsunterlagen vollständig verschenken sollte. Diese Klausel ist mir beim Überfliegen wie Leuchtschrift ins geübte Auge gesprungen.

Über den Autor

Freiberufliche Trainerin und Beraterin für IT-Management. Meine 20 Berufsjahre waren eine bereichernde Kombination aus Praxis und Forschung: 7 Jahre als Beraterin und Projektleiterin, 10 Jahre in der Forschung und universitären Lehre, bis hin zu Vertretungs- und Gastprofessuren. Mehr als 100 Fachpublikationen, regelmäßige Konferenzvorträge, offizielle Supporterin des IREB-Board, Mitautorin von Lehrplan und Handbuch des IREB für die CPRE Advanced Level Zertifizierung in Requirements Management, Regionalgruppensprecherin der Gesellschaft für Informatik in Stuttgart-Böblingen und Anbieterin von E-Learning-Kursen. Blog: http://herrmannehrlich.twoday.net/.

Dr. Andrea Herrmann

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